Bindung ist instinkthaft in Menschen angelegt, da unser Überleben davon abhängt. Bindung ist in der menschlichen Natur also weniger eine emotionale Entscheidung als ein biologischer Imperativ. Gleichzeitig strebt der Mensch nach Autonomie und will ein selbstständig wirksames „Ich“ sein. Was wir über das Zusammenspiel von Bindung und Autonomie lernen, wird uns prägen. Viele Menschen machen am Anfang und auch übers Leben hinweg ungünstige Bindungserfahrungen. Um sich vor den damit verbundenen Verletzungen zu schützen, werden Bindungsstrategien entwickeln, die oft echte Nähe nicht zulassen. An diesem Punkt hat jeder seine ganz eigene Geschichte. Bindungstherapie versucht sie zu erfassen, alte Prägungen zu integrieren und einer neuen, konstruktiven Bindungsgestaltung Raum zu geben. Denn ein stabiles „Ich“ kann gute Beziehungen eingehen – zu sich selbst und zu anderen. Es kann unterscheiden zwischen Ich/Du/Wir, Sehnsucht und Wunsch, Authentizität und Strategie, Liebe und Begierde, Bedürfnis und Bedürftigkeit, Früher und Heute. Autonomie und Zugehörigkeit sind kein „entweder oder“, sondern zwei Seiten eines guten Lebens.